|
|
Die „Windmaschine“ Segelboot
wird von bewegten Luftmolekülen angetrieben. Diese Strömungen treten aber
nicht immer in der gleichen Form auf, sondern besitzen, je nach den gerade
herrschenden Bedingungen, mehrere Erscheinungsformen mit unterschiedlichen
Charakteren. Wenn der Segler diese kennt, kann er daraus erhebliche Vorteile
ziehen, weil die vorhandene Energie effektiver in Vortrieb umgesetzt werden
kann.
Auch die Windablenkung durch das Ufer oder durch andere Boote ist berechenbar
und deshalb positiv zu nutzen.
Hierzu gehören aber einige meteorologische und strömungsphysikalische
Kenntnisse. Das wichtigste Unterscheidungskriterium bei Strömungen, übrigens
egal, ob es sich um Luft oder Wasser handelt, ist sicherlich der Unterschied
zwischen laminarem und turbulentem
Strömungszustand (siehe auch Kasten unten).
Laminare Strömungen
Was bedeutet laminare Strömung für die Segelpraxis?
1. Die Boote mit dem höheren Mast segeln mit mehr Wind. Dieser Umstand
muss vor allem beim Startin einem gemischten Feld berücksichtigt werden.
Dem Skipper eines kleinen Bootes nützt es wenig, wenn er kurz nach dem
Start an der heiß umkämpften bevorzugten Seite von großen Yachten überlaufen
und nach hinten durchgereicht wird. Hier zahlt es sich meist aus, auf
die optimale Startposition zu verzichten und dafür mit freiem Wind zu
segeln.
2. Der scheinbare Wind kommt
unten in einem spitzeren Winkel als weiter oben. Die Segel müssen diesem
Umstand angepasst werden. Das Boot wird
gekrängt, wodurch sich die Achterlieken der Segel durch die Gewichtskraft
öffnen. Ein optimales Profil im oberen Bereich ist immens wichtig, da
der größte Teil des Vortriebs dort erzeugt wird. Zumindest eine durchgehende
Topplatte erleichtert diesen Trimm erheblich. Alles was die Segel nach
unten zieht, schweres Tuch, Schäkel, Schoten oder ein schwerer Großbaum
ist nicht zu gebrauchen. Hier zählt wirklich jedes Gramm. Bei ganz geringen
Windgeschwindigkeiten bringt eine Fock oft bessere Ergebnisse als eine
Genua. Da das Achterliek dieses Segels nahezu senkrecht steht, fällt das
Tuch von selbst in sein Profil, während eine Genua wie ein nasser Sack
am Rigg hängt und im oberen Bereich eher schließt als öffnet. Dieses Segel
wird kaum Vortrieb erzeugen, da nur an einem Bruchteil seiner großen Fläche
Strömung anliegen kann, während eine kleinere Fock schon optimal arbeitet.
Turbulente Strömungen
Etwa bei fünf Knoten Windgeschwindigkeit schlägt die Grenzschicht
in den turbulenten Zustand um. Das bedeutet für die Praxis, dass die Geschwindigkeitsunterschiede
in verschiedenen, für Segler nutzbaren Höhen, nicht mehr gravierend sind.
Höhere Masten bringen, auf diese Thematik bezogen, keine Vorteile. Ein
kleines, schnelles Boot kann sich jetzt durchaus auch gegen ein größeres
durchsetzen.
Das Achterliek der Segel wird geschlossen. Twist ist, Ausnahmen bestätigen
die Regel, grundsätzlich schädlich. Auch hier haben Segel mit einer oder
mehreren durchgehenden Latten und ausgestelltem Achterliek Vorteile. Das
Liek kann mit wenig Schotzug geschlossen werden. Allerdings wird hier
sehr schnell zu viel des Guten getan. Ein Achterliek, das nach Luv zeigt,
wird nur bremsende Verwirbelungen und Krängung produzieren, keinesfalls
jedoch den optimalen Vortrieb. Dies kann man gut kontrollieren, wenn man
von unten über die Großbaumnock an das Masttopp peilt. Die Enden der Segellatten
sollten etwa parallel zum Baum liegen.
Böen
Böen entstehen in den mittleren Höhen der Grenzschicht. Dies
sind Wirbel, die sich um eine waagrechte und senkrecht zur Windrichtung
liegende Achse drehen. Daher liegt die Bezeichnung „Walze“ nahe. Diese
muss nicht groß und bedrohlich sein. Der Begriff beschreibt lediglich
auf anschauliche Art die Form. Die Drehrichtung entspricht an ihrer Oberseite
der Windrichtung. Daher erfahren diese Wirbel einen Auftrieb, wenn sie
auf schnellere Luftbewegungen treffen und einen Abtrieb wenn die Umgebungsluft
langsamer ist. Diese Walzen treffen mit der ursprünglichen aus größeren
Höhen gewonnenen Windgeschwindigkeit auf die Oberfläche und schieben sich
unter den normalen Wind. Diese Erscheinung nimmt der Segler als Böe wahr.
Aus verschiedenen Gründen hat der Oberflächenwind eine etwas andere Richtung
als der Höhenwind. Somit dreht, bei normaler, ungestörter Luftströmung,
der Wind in der Böe nach rechts. Nach dem Durchzug der Böe nimmt er wieder
seine ursprüngliche Richtung ein. Als Fazit ergibt sich, dass eine Böe,
die auf Backbordbug durchsegelt wird, den Weg nach Luv verkürzt. Ob dieser
Effekt groß genug ist, um eine Wende zu rechtfertigen, muss individuell,
je nach Bootstyp und aktuellen Tagesbedingungen entschieden werden.
Durchsegeln eines lokalen
Tiefs
Ein kleines lokales Tief, beispielsweise eine kleine einzelne
Gewitterzelle, zieht selten über das Wasser, da dessen Oberfläche zu kalt
ist. Falls doch, bietet diese Wolke dem aufkreuzenden Segler eine hervorragende
Gelegenheit, den Weg nach Luv zu verkürzen. Der Einfluss dieses Wirbels
ist um so größer, je höher sich diese Wolken vertikal ausdehnen. Oft stehen
diese „Mini“-Tiefs jedoch direkt über der Uferlinie, wodurch deren Einfluss
genutzt oder gemieden werden kann. Die Physik der Strömungsverhältnisse
in einem Tief und der Einfluss des Höhenwindes bewirken, dass die Passage
unter dem linken Rand der Wolke den Weg nach Luv erheblich verkürzt.
Die ideale Taktik, eine solche Wolke zu seinen Gunsten zu nutzen, besteht
darin, auf Steuerbordbug etwa auf die Mitte der Wolkenvorderseite zu steuern.
Kurz davor wird der Wind nach rechts drehen. Jetzt ist der Zeitpunkt der
Wende gekommen. Auf Backbordbug unter dem vorderen linken Viertel der
Wolke hindurchsegelnd, wird der Wind immer weiter rechts drehen, bis irgendwann,
am linken Rand angekommen, dieser plötzlich wieder kippt. Nach einer weiteren
Wende auf Steuerbordbug wird der Wind wieder nach links drehen, was sich
abermals positiv auswirkt. Bei einem weiteren Rechtsdreher ist die ursprüngliche
Windrichtung wieder erreicht und vermutlich einige Plätze gut gemacht.
Steht nur die rechte Seite eines solchen Tiefs zur Verfügung, etwa wegen
des Ufers, sollte der Wolkenrand auf Steuerbordbug passiert werden. Hier
ist der Effekt weniger groß, kann jedoch auch positiv genutzt werden.
Segeln unter Land
Möglichst nah unter Land zu segeln scheint vor allem bei thermischen
Winden recht verlockend. Dieser Wind nimmt bekanntlich mit größer werdendem
Abstand zum Ufer relativ schnell ab. Daher können sich Crews glücklich
schätzen, deren Boot noch einen moderaten Tiefgang hat, um die Vorteile
in dieser Zone voll auszukosten. Zu nah am Ufer kann sich dieser Effekt
jedoch schnell ins Gegenteil verkehren. Als wichtigste Größe spielt bei
allen Überlegungen die Höhe des Ufers, inklusive der Bäume, Häuser etc.
die zentrale Rolle. Ein Bereich von acht- bis zehnfacher Uferhöhe ist
meist tabu, da hier, bei auflandigem Wind eine Stausituation und bei ablandigem
Wind eine Abdeckung besteht. In einem Abstand von etwa der 25fachen Höhe
haben sich die Ufereffekte weitgehend erschöpft. In diesem Streifen treten
Böen, aber auch Windlöcher auf, die geschickt genutzt werden können. Ein
interessanter Aspekt ist, dass bei ablandigem Wind dieser zwar abflaut,
aber weiter nach rechts dreht, je näher das Ufer kommt. Ein auflandiger
Wind wird unter Land rückdrehen. Solche Dinge sind beispielsweise zu berücksichtigen,
wenn die Luvtonne relativ dicht am Ufer liegt, da sich sonst plötzlich
eine Überhöhe ergibt und die Leeboote die Tonne als erste passieren.
Verläuft das Ufer im Prinzip parallel zur Windrichtung, kann mit ausgeprägten
Richtungsänderungen gerechnet werden, die ebenfalls in die Taktik mit
einbezogen werden können.
Unter Seewindbedingungen wird der Wind zum Ufer hin abgelenkt, da die
Quelle des Soges über dem Land steht. Bei allen anderen Bedingungen bewirkt
die Oberflächenrauigkeit über dem Land, dass der Wind seewärts abgelenkt
wird.
Besonders interessant ist dies bei Buchten und Landspitzen, da hier durch
die gezielte Nutzung der Windablenkung erhebliche Vorteile erzielt werden
können. So lohnt es sich bei Thermik meist, eine Bucht auszusegeln. Bei
anderen Winden sollte dieser Bereich tunlichst gemieden werden, um stattdessen
auf das luvwärtige Ende der Bucht zu steuern.
Ebenso sollte bei einer Landzunge auf deren äußeres Ende zugesegelt werden,
um genau dort eine Wende zu platzieren. Dadurch kann die Windablenkung
sowohl vor, als auch nach der Landspitze positiv genutzt werden
Wellenhöhe
Enorme Geschwindigkeitszuwächse können auch erzielt werden, indem ein
Boot bei Starkwind im Bereich von kleineren Wellen gesegelt wird. Dies
ist unter dem ablandigen Ufer der Fall. Wie die aktuelle Situation bei
der Rund um gezeigt hat, waren die Boote, die die Kaltfront am Schweizer
Ufer durchsegelt haben, wesentlich schneller und vor allem bequemer und
sicherer an der Tonne in Romanshorn. Es war klar, dass der Sturm von Südwesten
kommen würde. Dadurch gab es unter taktischen Gesichtspunkten nur eine
Möglichkeit, um erfolgreich zu sein.
Dasselbe gilt für Strömungen. Diese sind in der Regel am Ufer geringer
als in der Mitte eines fließenden Gewässers. Speziell am Untersee, im
Bereich zwischen Öhningen und Wangen, kann man mit deren Hilfe enorme
Vorteile erzielen. Diese Beschreibungen setzen allerdings ideale Verhältnisse
voraus, die nicht immer eintreffen. Strömungen, egal in welchem
Medium, sind empfindlich und können von vielfältigen Faktoren gestört
werden. Daher muss der Segler permanent überprüfen, ob die Therorie unter
den jeweils gegebenen Bedingungen auch tatsächlich mit der Praxis übereinstimmt.
Ein guter Regattasegler muss, ähnlich wie ein Segelflieger, Strömungen
vor seinem „geistigen Auge“ erkennen können. Wenn die theoretischen Zusammenhänge
klar sind, kann er in der Praxis nach deren Auswirkungen suchen.
Laminare und turbulente
Strömung
Betrachtet man die Windgeschwindigkeiten in verschiedenen Höhen, dann
herrscht am Boden eine geringere Geschwindigkeit als in einer Höhe von
1000 Metern. Etwa so hoch reicht die als Grenzschicht bezeichnete Luftschicht,
in der der Wind durch die Bodenreibung abgebremst wird. Die Geschwindigkeitskurve
steigt hier nicht linear, sondern exponentiell an. Das heißt, dass der
Geschwindigkeitszuwachs in den unteren Schichten relativ groß ist und
nach oben dramatisch abnimmt.
Da es hier jedoch nicht um Wissenschaft, sondern um Segeln geht, interessiert
uns nicht, was oberhalb von 10 bis 15 Metern Höhe geschieht.
Die Strömung in der Grenzschicht ist bis etwa fünf Knoten Windgeschwindigkeit
laminar, darüber turbulent.
In einer laminaren Strömung fließen die Moleküle in stabilen, horizontalen
Schichten über eine Oberfläche. Es findet kein Austausch zwischen diesen
Schichten und somit auch keine Vertikalbewegung der Moleküle statt. Die
Fließgeschwindigkeit direkt an der Oberfläche ist fast null und nimmt,
bis etwa zehn Meter Höhe, rasch zu. Oberhalb dieser zehn Meter ist der
Geschwindigkeitsanstieg dann nicht mehr so deutlich. Optisch könnte man
eine laminare Strömung beispielsweise am Rauch eines Schornsteins erkennen,
der eine strichförmige, eng begrenzte, waagrechte Rauchfahne erzeugt.
Auch das Modell des Baches, der langsam fließt, ist vorstellbar. Hier
ist das fließende Wasser klar. Die Partikel am Grund werden nicht aufgewirbelt.
Bei einer turbulenten Strömung wirbeln die Moleküle dreidimensional und
ungerichtet über die Fläche. Es gibt keine gravierenden Geschwindigkeitsänderungen
in verschiedenen, vom Segler nutzbaren Höhen. Die Rauchfahne eines Schornsteins
würde sich hier keilförmig ausbreiten.
|